Von wegen der Proust’schen Madeleine: In meinem Fall ist es ein Hauch von Putzmittel, unterlegt mit Ammoniak. Das ist der Geruch der Erinnerungen an meine ersten Schultage. Er sollte mich über Jahre begleiten. Ich kann mich an keinen Raum so konkret erinnern, wie an denjenigen der ersten Schuljahre. Alles war gross, irgendwie wichtig – und dass ich mich zugehörig und wohl fühlte, hatte grossen Einfluss auf das, was ich werden konnte und wer ich heute bin.
Räume schaffen Befinden. Sie schaffen Möglichkeiten, Alltag. Gute Räume treten dabei in den Hintergrund und bleiben dennoch immer der Rahmen für das, was wir erleben. Umso mehr: Räume schaffen Erinnerungen. Und umso schöner, dass neulich in Trubschachen ein ganzes Dorf sein 145-jähriges Schulhaus nach dessen Sanierung gefeiert hat.
Vor dem Festzelt gab’s Wurst, im Festzelt gab’s Reden – sowie die feierliche Übergabe des Spezialpreises 2026 der Fachkommission für Denkmalpflege des Kantons Bern. Denn die Gemeinde- und Schulverantwortlichen haben, zusammen mit Fachpersonen aus Architektur, Handwerk und Denkmalpflege, den Weg vom Sanierungsbedürftigen zum Zukunftsfähigen auf beispielhafte Art umsichtig und lösungsorientiert begangen. Zwar ist dieser Weg ist nicht immer der einfachste. Aber in Trubschachen ist das Resultat so überzeugend wie preiswürdig – und zugleich auch günstiger, als es ein Neubauprojekt hätte werden können. Die Gemeindefinanzen danken es.
Genau deshalb wolle sie sich das jetzt mal anschauen, meinte eine Politikerin aus einer Nachbargemeinde, und betrat wie ich die lichten, einladenden Räume. Welche Erinnerungen, von Generation zu Generation, wohl im aufgefrischten Täfer stecken? Welche Geschichten in den frisch geschliffenen Holzböden? Das fragte ich mich.
Den Kindern, die derweil darüber hinwegfegten, ein munter wuselnder Haufen, war dies selbstverständlich egal. Genau so wie die herausfordernde Balance zwischen Gemeindefinanzen und Schulraumbedarf. Für sie zählte das Jetzt: das Fest, die Wurst, der Sommernachmittag zum Spielen.
Trotzdem weiss ich: Sie werden sich eines Tages an ihr Schulhaus erinnern. An die Räume, das Licht, die Atmosphäre, den Geruch. Kein Ammoniak. Im Gegenzug wird sich ihre Geschichte in die heute schon 145-jährige des Dorfschulhauses eingefügt haben, Generation um Generation.
Baudenkmäler verbinden. Das Dorfschulhaus von Trubschachen ist nur ein Beispiel dafür. Aber eines, das hoffentlich über Generationen hinweg Freude und über das Dorf hinaus Schule macht.
Sibylle Birrer, Vorsteherin Amt für Kultur des Kantons Bern